Null-Zinsen ohne Ende - Auweia Europa!

Mario Draghi zeigt klare Kante. Keine Sensation, aber für die meisten Akteure an den Finanzmärkten zumindest in dieser Form eine Überraschung. Aus Anlegersicht (und nur darum geht’s mir an dieser Stelle) haben die heutigen Ankündigungen zwei Seiten: Null-Zinsen und hohe Liquidität ohne Ende sind gut für die Aktienmärkte, sind zugleich aber Ausdruck ernster Sorgen wegen drohender Rezessionsgefahr. Auweia, Europa!


„Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit neuen großen Geldspritzen für Geschäftsbanken gegen einen Abschwung im Euro-Raum und verschiebt die Zinswende bis mindestens zum Jahresende. Die neuen Geldspritzen sollen eine Laufzeit von zwei Jahren haben und ab September 2019 ausgegeben werde, teilte die EZB am Donnerstag nach ihrer Ratssitzung mit. Davon dürften vor allem Banken im rezessionsgeplagten Italien profitieren, die bei vorangegangenen Darlehen dieser Art stark zugegriffen hatten. Die Währungshüter betonten zudem, ihre Leitzinsen noch bis mindestens zum Jahresende nicht antasten zu wollen – bislang galt dies bis zum Ende des Sommers.“ Die Agenturmeldung klingt lapidar, fasst aber doch ein historisches Kapitel zusammen.


ZEW-Ökonom Professor Friedrich Heinemann macht dies in einer spontanen Stellungnahme deutlich: Die EZB hat heute aktenkundig gemacht, was sich in den vergangenen Monaten bereits abgezeichnet hat. Die Zinswende wird zunächst einmal vom Herbst 2019 auf Anfang 2020 verschoben. De facto handelt es sich jedoch eher um einen Aufschub auf unbestimmte Zeit. Angesichts hoher ökonomischer Risiken und wachsender fiskalischer Unvernunft in wichtigen Hauptstädten der Eurozone ist die EZB nicht mehr frei in ihren Entscheidungen. Die Eurozone ist auf dem Weg in ein ungesundes Szenario der fiskalischen Dominanz. Die Geldpolitik muss dabei die Zinsen niedrig halten, um den Schaden einer unverantwortlichen Fiskalpolitik und fehlender nationaler Reformen für das Wachstum zu begrenzen. Leider hat die EZB auch erneut zum problematischen Instrument sehr langfristiger Kredite für Europas Banken gegriffen. Damit erhärtet sich die Vermutung, dass im Zentralbankrat eine große Sorge um die Überlebensfähigkeit von Kreditinstituten in Südeuropa besteht.


„EZB wirft das Handtuch“, überschreibt das Research der DZ Bank ihren Kommentar. Draghi mag wohl etwas traurig darüber sein, dass er in seiner Amtszeit keine Leitzinserhöhung und damit kein "Mission accomplished" mehr verkünden kann. Ich möchte ergänzen: So nützlich sie bisher auch gewesen sein mag, so deutlich werden spätestens jetzt die Grenzen der Geldpolitik. Denn auch die Inflationsraten sind und bleiben nach EZB-Prognose klar unter den ursprünglich angepeilten knapp 2 Prozent.

Ich vermute, dass die Konjunkturunsicherheit vorerst die Erholung der Aktienkurse behindern oder gar deckeln wird. Europa verliert für internationale Investoren nicht nur wegen Brexit und Italien an Attraktivität (siehe Euro-Schwäche), wenn sie kurzfristig denken. Andererseits gibt es langfristig nach wie vor keine Konkurrenz für Aktien – es müssen ja nicht unbedingt europäische sein.

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